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Alien Illustration mit einem grünen Alien, das einen Hot Dog in der einen und eine Fahne mit einem Herz drauf in der anderen hält.
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chrrp.eu ist live — und wir haben Twitter nochmal gebaut

Köln, 1. April 2026

Es gibt Momente, in denen man als Unternehmer eine Lücke im Markt sieht. Einen unerfüllten Bedarf. Eine Chance, die noch niemand erkannt hat. Und dann gibt es Momente, in denen man um 23 Uhr einen Gin Tonic zu viel trinkt und denkt: „Weißt du was? Wir bauen einfach Twitter nochmal.“

Wir haben Twitter nochmal gebaut. Nicht das Twitter von heute. Das twttr von 2006.

 

Eine kleine Geschichtsstunde

Bevor Twitter „Twitter“ hieß, hieß es twttr — benannt in Anlehnung an Flickr, weil Vokale offensichtlich overrated waren. Das Projekt startete im März 2006 als internes Tool bei Odeo, einem sterbenden Podcast-Startup. Jack Dorsey schickte am 21. März 2006 den ersten Tweet: „just setting up my twttr.“

Das Interface war schlicht. Grün. Minimalistisch. Die einzige Frage, die es stellte: „What are you doing?“ 140 Zeichen. Mehr brauchte man nicht.

Es war, wenn man ehrlich ist, das beste soziale Netzwerk, das je existiert hat. Bevor Algorithmen entschieden, was man sehen soll. Bevor jemand auf die Idee kam, ein Tweet-Limit einzuführen und dann gegen Aufpreis wieder aufzuheben. In der Zeit, als ein Retweet noch bedeutete, dass jemand wirklich etwas für gut befunden hatte.

Wir sind nostalgisch. Schuldbekenntnis.

Das Projekt: chrrp.eu

Also haben wir es gebaut: chrrp.eu — eine vollständig funktionale Replik des originalen Twitter-Erlebnisses von 2006.

Was funktioniert:

  • 140 Zeichen Limit (natürlich, was sonst)
  • Tweets, Retweets, Favorites
  • Follow / Unfollow
  • @Mentions & Reply-Threads
  • Direct Messages
  • Hashtags & Trending Topics
  • Search & Pagination
  • Avatar-Uploads
  • Email-Benachrichtigungen
  • Invite-only Registrierung — wie das Original
  • Das grüne Blob-Logo. Das minimalistische Design. Die Frage „What are you doing?“ als Placeholder im Tweet-Feld.

Technisch: Gebaut mit Sinatra (Ruby), PostgreSQL im Backend, deployed auf Heroku. Kein Next.js, kein Tailwind, kein 47-Layer-Microservice-Stack. Ehrliche Web-Technologie, die einfach funktioniert.

Der eigentliche Witz: Wir haben das in 2 Tagen gebaut

Hier kommt der Teil, der mich gleichzeitig stolz und ein bisschen wehmütig macht.

Twitter — das echte Twitter von 2006 — war das Ergebnis von Monaten intensiver Arbeit eines ganzen Teams. Es war ein Unternehmen. Es hatte VC-Backing, Gründer, Engineers, Pizzaschachteln auf dem Boden von Büros in San Francisco.

Wir haben die funktionale Kern-Version in zwei Tagen gebaut. Ich, mein Laptop, und Claude Code als KI-Pair-Programmer.

Das ist kein Bashing gegenüber den originalen Twitter-Entwicklern — die haben damals Bahnbrechendes geleistet. Aber es ist eine ehrliche Reflexion darüber, wie sich die Werkzeuge verändert haben. Was 2006 einen kompletten Startup-Prozess benötigt hätte, lässt sich heute in einem verlängerten Wochenende implementieren, wenn man weiß, was man will und mit den richtigen Tools arbeitet.

KI-gestütztes Entwickeln bedeutet nicht, dass man nicht mehr denken muss. Man muss noch immer wissen, was man baut und warum. Aber die Zeit zwischen Idee und funktionierendem Produkt hat sich dramatisch verkürzt. Das finde ich, trotz aller Ambivalenz gegenüber dem KI-Hype, wirklich bemerkenswert.

Was dann passierte: Mehr als 1000 Anmeldungen und eine größere Frage

Der Aprilscherz wurde keiner. Innerhalb kurzer Zeit hatten sich mehr als 1000 Menschen angemeldet – und der Podcast „Haken dran“ griff die Geschichte auf. Nicht nur wegen der Nostalgie, sondern wegen dem, was dahinter steckt.

Beim Startupland in Köln hatte ich kurz zuvor ein Gespräch mit Manuel Koelman, das mich seitdem beschäftigt. Wir haben darüber gesprochen, ob es nicht eigentlich ein genossenschaftliches Social Network braucht – ein Modell wie Geno Social, das nicht Algorithmen und Werbung dient, sondern den Menschen, die es nutzen. Denn was Social Media heute ist, hat mit der ursprünglichen Idee kaum noch etwas zu tun: Plattformen, die Aufmerksamkeit monetarisieren, Meinungen formen und deren Infrastruktur vollständig außerhalb der Kontrolle ihrer Nutzerinnen liegt. Die Frage ist nicht mehr nur technisch – sie ist politisch: Wem gehört der digitale öffentliche Raum, und wer darf ihn gestalten?

Was wäre gutes Social Media, inmitten all der KI-Debatten? Ich habe keine abschließende Antwort. Aber ich finde die Frage ehrlicher als vieles, was ich gerade höre – und chrrp.eu hat gezeigt, dass der Nerv tiefer liegt als Nostalgie.

Danke, Manuel

Ein kurzes, aufrichtiges Dankeschön an Manuel Koelman, der die Domain chrrp.eu aufgetrieben hat. Domains mit fehlenden Vokalen sind selten geworden — das war keine Kleinigkeit.

Die Transparenz-Seite

Weil wir das geklärt haben wollen: chrrp.eu ist ein Satire-Projekt. Eine liebevolle Hommage an das frühe Internet – keine Konkurrenz zu irgendeinem bestehenden sozialen Netzwerk, keine kommerzielle Plattform, kein ernsthafter Versuch, 2026 ein neues Twitter zu gründen.

Wir reproduzieren ein Interface, das historisch bedeutsam ist, mit offenem Augenzwinkern.  Wir beanspruchen nichts, wir konkurrieren mit niemandem. Mein Anwalt hat mich übrigens gebeten, das nicht zu tun. Ich habe ihn nicht zu Ende reden lassen.

Was auf der Plattform passiert, liegt in den Händen der Menschen, die sie nutzen – keine Werbung, kein Algorithmus, kein Tracking. Nur 140 Zeichen und die Frage, was du gerade machst.

Happy April Fools!

Ja, es ist der 1. April. Nein, chrrp.eu ist kein Fake. Die Seite funktioniert wirklich. Wenn du Nostalgie für das frühe Internet verspürst – schreib mir. Ich habe Invite-Codes.

Jan Kus ist Geschäftsführer der Railslove GmbH in Köln und baut seit 2010 digitale Produkte — manchmal sinnvolle, manchmal nostalgische, manchmal beides.

Wir leben Nostalgie!

Jan Kus ist Geschäftsführer der Railslove GmbH in Köln und baut seit 2010 digitale Produkte — manchmal sinnvolle, manchmal nostalgische, manchmal beides.