Digitalenthusiasmus und neue Arbeitswelt - Fahrplan für eine digitale Gesellschaft

Digitalisierung - auch eine Sache der Einstellung

Digitale Technologien sind das Schlüsselelement für Fortschritt, Innovation und ökonomische Konkurrenzfähigkeit. Für uns als Entwicklerinnen und Designerinnen bedeutet Digitalisierung

  • jede Form von Interaktion im Web, mit Computern und allen digital gestützten Systemen
  • Software und Hardware, deren Mehrwert in einem von Agilität geprägtem Arbeits- und Denkumfeld zur Entfaltung kommt
  • Und das Erkennen der Technologien als ein vielseitiges, dynamisches und adaptives Werkzeug, dass von der Nutzung lebt, Prozesse vereinfachen und Menschen assistieren soll.

Das sind Ansätze und Strukturen, die weltweit in Unternehmen bereits gelebt werden. Und im deutschen Verwaltungsapparat und bei politischer Koordination könnte man aus den Kinderschuhen schon längst rausgewachsen sein. Nicht erst die Pandemie hat Problemstellen offengelegt: schlechter Netzausbau, ein aus Landesgrenzen resultierendes Patchwork an Lösungen, mangelndes Know-how gepaart mit fehlender Zusammenarbeit zwischen den Ressorts und Schwachstellen im Bildungsbereich.

Das Projekt digitale Gesellschaft muss auf dem Interesse der Bürger*innen aufbauen - es geht weniger um Fähigkeiten oder technische Ausrüstung - die Aufmerksamkeit der Führungskräfte sollte sich darauf richten, wie mehr Lust auf Veränderung entstehen kann.

Ein Weg dorthin führt über die Erfolge und Fehler anderer - Austausch, Transparenz, gemeinsame Werte = mehr Zeit, Prozessoptimierung und digitales Selbstbewusstsein.

Digitalisierung ist ein Akt, der für und mit der Gemeinschaft zusammen gestaltet werden muss. Ressortübergreifende Zusammenarbeit darf keine Ausnahme mehr sein, wir befinden uns auf einem globalen Spielplatz, der uns gute Voraussetzungen liefert, um Kräfte zu bündeln.

Die Skepsis gegenüber dringend notwendigen Implementierungen funktionierender digitaler Lösungen zu reduzieren, verlangt eine miteinander auf Augenhöhe. In der Startup-Welt würden wir ohne das Pflegen der Communities nicht weit kommen.

Bock auf Veränderung? Digitale Begeisterung, Kommunikation und Digital First Gesetze

Doch in der neuen Legislaturperiode braucht es nicht nur eine deutliche Beschleunigung, sondern auch eine ganzheitlichere Perspektive auf das Thema Digitalisierung.

Ein Zitat der im Empfehlungsschreiben der OECD für E—Government Strategien bringt es auf den Punkt. Sinnvolle Infrastrukturen für die Gesellschaft bedarfen einer

“implementation of digital government strategies that bring governments closer to citizens and businesses. It recognises that today’s technology is not only a strategic driver for improving public sector efficiency, but can also support effectiveness of policies and create more open, transparent, innovative, participatory and trustworthy governments.”

(OECD, “Recommendation on Digital Government Strategies”, 2014)

Digitalisierung als Grundlage für mehr Vertrauen in die Regierung? Ganz bestimmt. Kaum ein Thema ist so in unseren Alltag integriert und gleichzeitig so komplex.

In den vergangenen Monaten hat Deutschland mit dem Angebot verschiedener E-Services, die über Nacht abrufbar waren und unbürokratischeren Anträgen bereits gezeigt, dass mehr Tempo möglich ist und Zettelwirtschaft als Zeit- und Nervenfresser erkannt wird.

Plötzlich erfuhr die Art und Weise wie die Anliegen der Bevölkerung digital behandelt wurden eine ganz neue Dimension. Gänge zum Amt dürfen nicht komplett verschwinden, sind aber für all die, die verschiedenste Belange im Alltag ausschließlich mit Apps lösen eine Zumutung, ganz gleich ob Distanzwahrung ein Thema ist oder nicht.

2017 wurde das Onlinezugangsgesetz verabschiedet, laut dem bis Ende 2022 Leistungen der Verwaltung elektronisch angeboten werden müssen. Schaffen wir das? Ist ein föderalistischer Flickenteppich an digitalen Lösungen hierbei ein Zukunftsmodell oder Stolperstein? Um in kurzer Zeit Zuständigkeiten zu klären und Kompetenzen zu vergeben, brauchen wir interdisziplinäres Teamwork auf Bundesebene, denn das Web ist auch nicht auf 16 Länder aufgeteilt. Es verfügt jedoch über etablierte Standards, die den 11.000 Kommunen helfen können den Rückstau sowohl technisch als auch in Sachen Bürgerbeziehung zu reduzieren.

Sitzen Startups, Verwaltung und Politik an einem Tisch...

Voraussetzung ist nicht nur Kommunikation auf Augenhöhe, sondern auch die Bereitschaft Weiterbildungsangebote zu schaffen, sich über Vorteile auszutauschen, von einer „das haben wir schon immer so gemacht“-Mentalität wegzukommen.

Wir konnten in den vergangenen Monaten in Hackathons und Workshops mit Kommunen und intensivem Austausch u.a. mit der Stadt Köln bereits Einblicke in Arbeitsweise und die Sprache des anderen gewinnen und so auch in der Politik Gehör finden. Das erfordert Zeit, aber konkrete Projekte und Motivation in Krisensituationen schnell zu helfen, schafft ein Forum, in dem sich alle begegnen können und auch das ein oder andere Vorurteil ablegen können.

Wenn am Ende auch noch digitale Produkte entstehen, die bundesweit nutzbar sind, dann hat man schon viel erreicht.

Wenn dann zusammen definiert werden kann woran z.B. eine Vernetzung innerhalb der Behörden scheitert, welche Prozesse digitalisiert werden müssen, um einen echten Nutzen für alle Beteiligten zu erreichen, steht einer Zusammenarbeit nichts im Wege. Von Fachfremden können diese Fragen in einer vernetzen Welt nicht entschieden werden. Neben verschiedenen Ressorts müssen unabhängige Expert*innen, Initiativen und Vereine wir der Chaos Computer Club und Startups involviert werden.

Die oben genannten Werte und Potenziale der Digitalisierung sollten sich dann auch in Ausschreibungen widerspiegeln, mit weniger Hürden bei Vergabeverfahren für kleine Agenturen, damit auch diese konkurrenzfähig zur Wirtschaft sein können. Wir sind alle Bürger*innen und auch wir würden Behördengänge gerne vom Sofa aus, kontaktlos angehen. Wir helfen gerne, schnell und unkompliziert, und von Natur aus experimentieren wir gern, um Prototypen zu entwickeln, dafür sind digitale Sandkästen (#digital sandbox) gut geeignet. Diese Testumgebungen schaffen Raum um sich gemeinsam vor allem die Bereiche anzuschauen, deren Arbeit nicht nicht oder kaum digitalisiert ist, wie es im Rahmen des Prototype Fund passiert.

Digital first Gesetze und Open Source - einfach mal die Hosen runterlassen

Solche vernetzten Teams schaffen nachhaltige Entwicklung von der alle profitieren. Das setzt voraus, dass Verantwortlichkeiten und Rechtsgrundlagen auf ihre Digitalität geprüft werden. Ein #DigitalFirst - Gesetz, dass auf ethischen Grundlagen beruht und fortlaufend überprüft wird, das Datenschutz und andere Sicherheitsthemen auf die Agenda setzt.

Anwendungen wie z.B. die Kontaktnachverfolgung müssen zwingend digital und barrierefrei konstruiert werden, E-government Stategien effizient ausgebaut werden.

So entsteht Potenzial für transparente und vertrauenswürdige Ökosysteme. Dazu gehört auch eine Open Source Denkweise - Einblicke in den Code zu gewähren und Partizipation zuzulassen ist eine Sache der Haltung, nicht des Zwangs.

Als es darum ging Kontaktnachverfolgung digital umszusetzen, bestand für uns bei recover gar kein Zweifel, dass dies mit der größten Offenheit passieren wird.

Hier die Hosen runterzulassen war schon immer mit der Einstellung verbunden: lasst uns ein Community Projekt draus machen“, aus Fehlern und Erfolgen anderer lernen, sich aktiv einbringen, optimieren und zur Etablierung einer Fehlerkultur beizutragen, die, wie Wordpress Mitbegründer Matt Mullenweg festhält, sich nur positiv auswirken kann:

"One thing about open source is that even the failures contribute to the next thing that comes up. Unlike a company that could spend a million dollars in two years and fail and there's nothing really to show for it, if you spend a million dollars on open source, you probably have something amazing that other people can build on."

Wenn bei der Konzeption alle abgeholt werden, wäre das ein großer Schritt für mehr digitale Lebensqualität und die Möglichkeit Lehren aus den Herausforderungen der letzen Zeit zu ziehen. Und ja, und auch dem Image der Bürokratie täte das gut.

Und jetzt noch die Life-Work Balance boostern

Wir haben als Agentur besonders in der Pandemie die vielen sozialen Potenziale digitaler Anwendungen von der ersten Idee bis zur fertigen App in einem neuen Ausmaß erleben können - Apps und Plattformen vernetzen, sind integrativ und können in Krisenzeiten das Miteinander stärken und dabei den Nutzer*innen immer völlige Entscheidungsfreiheit garantieren, sich an ihre Bedürfnisse anpassen.

Diese Werte sollten im digitalen Zeitalter Bestandteil einer gesunden Arbeitskultur sein, spätestens jetzt wo Homeoffice in vielen Unternehmen doch eine Option zu sein scheint und man gezwungen war mehr Vertrauen in die Mitarbeiter*innen zu entwickeln. Wieder auf Präsenzkultur zu setzen wäre ein Rückschritt.

Viele Führungskräfte haben zum ersten Mal miterlebt, dass sich ein Team auch remote selbstständig organisieren und in eigenverantwortlich zu Lösungen kommt. Obwohl wir hier routiniert sind, haben wir Wert darauf gelegt zu Pandemiebeginn nochmal unsere digitalen und teaminternen Visionen zu kommunizieren, damit jeder bei Railslove das Web nutzen kann, um Ideen und Potenziale zu entfalten und zugleich die Verbundenheit zu den anderen nicht zu verlieren. Wir sind froh, dass es nun eine verstärkte New Work Debatte gibt, ein lohnender Gedanke: weg von komplizierten, stressigen Top - Bottom Strukturen, hin zu liebevoller Führung, dem Willen anderen zu ihrem Erfolg zu verhelfen und #Digitalmut zu verbreiten, statt Potenziale einzuschränken.

Die Bedeutung digitaler Infrastrukturen wächst täglich. Wenn wir gesellschaftsrelevante Themen in den Fokus stellen und Lust auf eine Disruption im Verwaltungsapparat mit mehr Kooperation statt hierarchisch vorgegebenen Plänen mitbringen, kann da ein Schuh draus werden.

Wir wünschen uns intensive Gespräche mit den Akteuren, Gehör und dann einfach mal machen.

Ah ja, Fehler sind erlaubt, jederzeit.

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Photo by Michael Daniels on Unsplash

Zitat Matt Mullenweg

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